Ghule sind Individuen intelligenter Lebensformen Balvlauds, deren Körper und seelische Struktur durch den Totenhunger dauerhaft verändert wurden. Sie gelten nicht als eigenständige Spezies, sondern als pathologischer oder verfluchter Zustand von Menschen, Elben, Zwergen, Lyriden und anderen denkenden Wesen.
Ein Ghul ist lebendig, sterblich und in der Regel alterungsfähig. Er unterscheidet sich von seiner ursprünglichen Art durch einen vollständig umgestellten Stoffwechsel, spezifische körperliche Veränderungen und einen anhaltenden inneren Zwang, der eng mit dem Totenhunger verknüpft ist.
Merkmale und Erscheinungsbild
Ghule zeigen typische körperliche Auffälligkeiten, deren Ausprägung individuell und abhängig vom Verlauf des Totenhungers ist. Häufig beschrieben werden blasse bis gräuliche Haut, Verfärbungen, ausdünnendes oder fleckiges Gewebe, auffällige Augenreflexe sowie verstärkte oder veränderte Zähne und Nägel, die besser zum Reißen von Fleisch geeignet sind.
Der Körperbau wirkt oft gleichzeitig ausgemergelt und zäh, mit sehniger Muskulatur und ungewöhnlicher Widerstandsfähigkeit gegenüber Verletzungen und Erschöpfung. Wunden heilen langsamer als bei Gesunden, schließen sich aber oft erstaunlich vollständig und hinterlassen untypische, verfärbte Narbenzonen.
Die äußere Entstellung reicht von leicht kaschierbaren Veränderungen, die eine unauffällige Integration in städtische Umfelder erlauben, bis hin zu deutlich erkennbaren, fast leichenhaften Erscheinungen, die meist zu sozialer Isolation oder Verfolgung führen.
Trotz dieser Veränderungen bleibt die Grundstruktur der ursprünglichen Spezies erkennbar. Ghule behalten in stabilen Verläufen Sprache, Erinnerungen, abstraktes Denken und komplexe emotionale Reaktionen.
Entstehung
Ghule entstehen, wenn der Totenhunger in einem Individuum nicht nur vorhanden, sondern voll ausgeprägt und dauerhaft wirksam ist. Der zugrunde liegende Totenhunger kann auf verschiedenen Wegen entstehen und wird in der Regel als eigenständiges Syndrom betrachtet (siehe Artikel Totenhunger).
Regelfall ist ein zweistufiges Verfahren: Zunächst kommt es zu einer Prägung durch engen Kontakt mit todesnahen Umständen, etwa Schlachtfeldern, Massengräbern, Seuchenvierteln oder starker Nekromantie. In einer späteren Phase führt ein weiterer Auslöser oder ein besonders intensives Ereignis zum eigentlichen Ausbruch. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich der Stoffwechsel, und das betroffene Individuum durchläuft die Verwandlung zum Ghul.
Zusätzlich sind seltene Fälle dokumentiert, in denen Totenhunger bereits in Kindheit oder bei der Geburt vorliegt. In diesen Konstellationen beginnt die ghulische Veränderung meist früher und kann bereits im Jugendalter deutlich sichtbar werden. Solche Fälle werden mit magischen Prägungen, alten Flüchen oder starker Todesmagie in bestimmten Linien oder Regionen in Verbindung gebracht.
Fortpflanzung
Ghule können Nachkommen zeugen. Die Beziehung zwischen Ghulstatus der Eltern und dem Totenhunger der Kinder ist in der ghulologischen Literatur von besonderer Bedeutung, da sie sowohl die Verbreitung des Phänomens als auch seine langfristige Rolle in der Bevölkerung beeinflusst.
Bei zwei Ghul-Elternteilen gilt als weitgehend gesichert, dass das Kind selbst als Ghul geboren wird. In solchen Fällen ist der Totenhunger nicht latent, sondern von Beginn an manifest; die körperliche und seelische Veränderung setzt im Verlauf von Kindheit und Jugend ein und führt nahezu zwangsläufig zu einem vollständigen Ghulstatus. Berichte über geborene Kinder zweier Ghule, die keine ghulischen Merkmale entwickelt haben sollen, existieren lediglich in Mythensammlungen und sind nicht verifiziert.
Bei gemischten Elternschaften, also einem Ghul und einem nicht-ghulischen Elternteil, wird davon ausgegangen, dass die Nachkommen den Totenhunger als latente Anlage tragen. Diese Kinder sind keine Ghule bei Geburt, fallen jedoch aus dem gewöhnlichen zweistufigen Entstehungsmodell heraus. Die erste Stufe, die Prägung, gilt als bereits vorhanden. Für eine spätere Verwandlung zum Ghul ist nur noch eine Art „zweite Stufe“ notwendig, etwa ein starker todesnaher Auslöser.
Theoretisch sind bei solchen gemischten Verbindungen abweichende Verläufe möglich: vereinzelt werden Kinder beschrieben, die bereits als vollständige Ghule geboren wurden, sowie solche, bei denen keinerlei Anzeichen einer Totenhunger-Anlage feststellbar sind. Beide Varianten gelten als extrem selten und werden in der Fachliteratur eher als Ausnahmen oder legendenhafte Sonderfälle behandelt.
Physiologie und Ernährung
Ghule sind strikt fleischfressend. Pflanzliche Nahrung hat weder nachweisbare Wirkung auf ihren Stoffwechsel noch wird sie von Ghulen als geschmackvoll erlebt. Tierisches Fleisch gewährleistet das körperliche Überleben, den Erhalt von Muskulatur und Grundfunktionen über lange Zeiträume.
Die seelisch-geistige Stabilität hängt jedoch unmittelbar von der Zufuhr von Fleisch intelligenter Lebewesen ab. Wird in mehr oder minder regelmäßigen Abständen Fleisch solcher Herkunft aufgenommen, bleibt die Persönlichkeit weitgehend stabil; Gedächtnis, Sprache, Urteilsvermögen und Affektkontrolle bleiben erhalten. Die genaue Häufigkeit variiert je nach Individuum und Stärke des Totenhungers. In vielen Berichten ist von Intervallen im Bereich mehrerer Wochen bis zu wenigen Monaten die Rede, nach deren Überschreitung erste Anzeichen psychischer Destabilisierung auftreten.
Ghule, die versuchen, ausschließlich von Tierfleisch zu leben, können ihren Körper über Jahre erhalten, geraten aber mit zunehmender Dauer in einen Zustand geistigen Verfalls. Dieser reicht von Reizbarkeit und Schlafstörungen über Halluzinationen und paranoides Verhalten bis hin zu weitgehender Auflösung der Identität. In extremen Fällen verbleibt nur ein triebgesteuertes Raubtier mit stark erhöhter Gefährlichkeit. In diesem Fall wird jedoch häufig auch wieder intelligentes Fleisch als Nahrung aufgenommen, da in späten Stadien der psychischen Destabilisation eines Ghuls auch die Mordlust enorm gesteigert ist.
Eine erneute, regelmäßigere Versorgung mit intelligenter Nahrung kann in frühen und mittleren Phasen des Verfalls zu teilweiser Stabilisierung führen. Vollständige Rückkehr zur Ausgangskonstitution ist jedoch selten, wenn es vorher bereits zur starken psychischen Destabilisation gekommen ist; häufig bleiben kognitive und emotionale Einschränkungen bestehen.
Sozialleben
Ghule bilden sehr unterschiedliche Sozialformen aus, je nach Region, Entstehungsgeschichte und Umgang mit ihrem Totenhunger. In abgelegenen Gebirgs- und Grenzregionen sind organisierte Ghulgemeinschaften dokumentiert, die in Höhlen, Ruinen und anderen schwer zugänglichen Strukturen leben. Diese Gemeinschaften entwickeln interne Normensysteme, Ränge und Rituale.
Eine in den Quellen häufig verwendete Unterscheidung ist die zwischen moralisch gebundenen Ghulgruppen und raubtierhaft agierenden Ghulverbänden. Moralische Ghule unterwerfen sich selbstgewählten Kodizes, die den Verzehr Lebender einschränken oder untersagen. Zulässig sind in solchen Kodizes häufig Gefallene, zum Tode Verurteilte, unbestattete Tote oder Personen, die nach den lokalen Bräuchen keinen regulären Anspruch auf Bestattung haben. Solche Gemeinschaften tendieren zu langfristigen Strukturen, gegenseitiger Unterstützung und gelegentlich zu verdeckten Vereinbarungen mit weltlichen oder geistlichen Autoritäten.
Demgegenüber stehen Ghule, die ihren Totenhunger weitgehend ohne moralische Einschränkung ausleben. Sie treten häufig als Einzelgänger auf, bilden aber zuweilen kleine Banden oder vorübergehende Allianzen, insbesondere in Hungerzeiten oder in politisch schwachen Regionen. In einigen Chroniken finden sich Berichte über Ghulgruppen, die gemeinsam Dörfer oder Wehrhöfe überfallen, um ihren Bedarf über längere Zeiträume zu decken.
In urbanen Zentren Balvlauds sind Ghule eher verdeckt präsent. Sie sind vermehrt in Berufsgruppen anzutreffen, die regelmäßigen Zugang zu Leichen, Verwundeten oder Hinrichtungen bieten, etwa im Bestattungswesen, im Strafvollzug, in Heilkunst, Alchemie oder Anatomie. Informelle Netzwerke koordinieren dort bisweilen die unauffällige Beschaffung von Leichen und die Vermeidung öffentlicher Aufmerksamkeit.
Verbreitung
Ghule sind in allen größeren Kultur- und Machtbereichen Balvlauds dokumentiert. Häufungen treten in Regionen mit lang anhaltenden oder wiederkehrenden militärischen Konflikten, in Grenzgebieten und in Landschaften mit großer Dichte alter Schlachtfelder, Massengräber und verfluchter Orte auf. In solchen Zonen ist sowohl die Entstehung neuen Totenhungers als auch die Ansiedlung bestehender Ghulgemeinschaften wahrscheinlicher.
In Reichen mit ausgeprägten Bestattungsriten, strenger Kontrolle nekromantischer Praktiken und relativ stabilen politischen Verhältnissen ist die Zahl der bekannten Ghule geringer. Einzelne Stadtghule, kleine versteckte Gruppen und vereinzelte wandernde Individuen kommen jedoch auch dort vor.
Insgesamt gelten Ghule als seltene, aber dauerhaft vorhandene Minderheit. Sie sind nicht zahlreich genug, um die politische Landkarte Balvlauds unmittelbar zu dominieren, besitzen jedoch in bestimmten Regionen und historischen Phasen erhebliche lokale Bedeutung.
Rechtlicher und Kultureller Status
Der Umgang mit Ghulen variiert stark nach Reich und Region. Einige Herrscherhäuser ordnen die sofortige Vernichtung aller identifizierten Ghule an und stufen sie als unrettbare Bedrohung ein. Andere betrachten Ghule formal als krank oder verflucht und versuchen, sie zu isolieren, zu überwachen oder aus dicht besiedelten Gebieten zu verbannen.
Es existieren Berichte über verdeckte Kooperationen zwischen Herrschern, Orden oder Gilden und moralisch gebundenen Ghulgemeinschaften, insbesondere in Kriegszeiten, bei Seuchen oder in der Bewachung gefährlicher Orte. Offiziell werden solche Beziehungen selten bestätigt und verbleiben meist im Bereich der Spekulation.
Im Volksglauben erscheinen Ghule überwiegend als Schreckfiguren. Erzählungen über Kinderraub, Grabfrevel und nächtliche Überfälle prägen das Bild in vielen Dorfgemeinschaften. Gleichzeitig gibt es Legenden über einzelne Ghule, die als Wächter, Berater oder „notwendige Übel“ in Krisenzeiten geduldet wurden.
Ghule verkörpern damit in der Wahrnehmung Balvlauds eine ambivalente Figur zwischen Monster, Opfer, Werkzeug und Randgestalt der Gesellschaft. Ihr Zustand ist untrennbar mit dem Totenhunger verbunden, der sie zugleich erhält und von der übrigen Bevölkerung trennt.
