Totenhunger

Totenhunger bezeichnet ein komplexes Syndrom, das sowohl körperliche Funktionen als auch seelische und geistige Strukturen Betroffener verändert. Es wird in Balvlaud überwiegend als Mischung aus Krankheit, Fluch und nekromantischer Störung aufgefasst.

Der Totenhunger ist die Ursache des Ghulzustandes: Ein Ghul ist ein Individuum, bei dem der Totenhunger dauerhaft manifest worden ist und den Stoffwechsel vollständig umgestellt hat. Totenhunger kann latent vorliegen, ohne anfangs zu sichtbaren Veränderungen zu führen. In solchen Fällen spricht man von Trägern oder Disposition zum Totenhunger.

Das Syndrom ist auf intelligente Spezies beschränkt. Tiere zeigen nach derzeitiger Kenntnis keine vergleichbare Ausprägung.

Ausbildung

Die vorherrschende Lehrmeinung beschreibt das ausbrechen des Totenhungers als grundsätzlich zweistufig.

In der ersten Stufe kommt es zu einer Prägung. Betroffene geraten in intensiven Kontakt mit Tod, Verwesung oder starker Todesmagie. Typische Schauplätze sind große Schlachtfelder, Massengräber, alte Seuchenviertel, verfluchte Städte und die Arbeitsstätten von Nekromanten. In dieser Phase entsteht der Totenhungers im Individuum, ohne dass sofort Symptome auftreten.

In der zweiten Stufe manifestiert sich der Totenhunger. Ein weiterer einschneidender Auslöser – etwa ein erneutes Massaker, ein schweres persönliches Trauma im Umfeld von Tod, eine starke nekromantische Einwirkung oder bestimmte Rituale – bringt das Syndrom zum Ausbruch. Ab diesem Zeitpunkt beginnt sich der Stoffwechsel umzustellen und der schrittweise Übergang zum Ghul setzt ein.

In besonders schweren oder extremen Situationen können beide Stufen in einem einzigen Ereignis zusammenfallen. In diesen Fällen entstehen Ghule scheinbar „plötzlich“ aus Überlebenden großer Katastrophen, ohne dass eine längere Phase latenter Anlage nachweisbar ist.

Angeborene und früh geprägte Anlage

Neben dem beschriebenen Regelweg existieren seltene Fälle angeborener oder frühkindlich geprägter Totenhungerdisposition. Diese werden auf magische oder nekromantische Einwirkungen zurückgeführt, die bereits vor oder kurz nach der Geburt wirksam werden. Dazu gehören überlieferte Flüche, langjährig von Todesmagie durchdrungene Linien und Regionen sowie einzelne rituelle Eingriffe.

Betroffene zeigen zunächst keine Auffälligkeiten. Der Totenhunger bricht hier ebenfalls erst unter geeigneten Umständen aus. In manchen Familienchroniken wird von Generationen berichtet, in denen „von Zeit zu Zeit“ ein Kind dem Totenhunger verfällt, ohne erkennbare äußere Ursache.

Solche angeborenen Fälle werden als extrem selten eingestuft und sind Gegenstand kontroverser Diskussionen zwischen magietheoretischen und theologisch geprägten Schulen.

Genetik und Vererbung

Eine besondere Rolle spielt die Vererbung, wenn Ghule selbst Nachkommen zeugen. Totenhunger kann in diesen Fällen auf spezifische Weise weitergegeben werden.

Nach aktuellem Verständnis führt die Verbindung zweier Ghule dazu, dass das Kind selbst Ghul ist. Der Totenhunger ist in solchen Nachkommen nicht nur latent angelegt, sondern von Beginn an ein prägender Teil ihres Wesens und bereits manifestiert. Die äußere ghulische Veränderung setzt meist mit der körperlichen Reifung ein, doch gilt ein solches Kind in der Forschungspraxis als „geborener Ghul“. Berichte über Nachkommen zweier Ghule, die keine ghulischen Merkmale entwickelt haben, existieren vor allem in Mythen und werden wissenschaftlich nicht als gesichert anerkannt.

Bei Verbindungen eines Ghul-Elternteils mit einem nicht-ghulischen Elternteil trägt das Kind den Totenhunger in der Regel als bereits bestehende, aber noch nicht ausgebrochene Anlage. Es ist damit kein Ghul, besitzt aber nicht mehr das vollständige zweistufige Entstehungsmuster. Die erste Stufe, die Prägung, gilt als erfüllt; für einen Ausbruch ist nur noch ein einzelner, hinreichend starker Auslöser erforderlich.

Abweichende Verläufe werden als sehr seltenes Phänomen erwähnt: Gelegentlich finden sich Berichte über Kinder aus gemischten Verbindungen, die bereits als vollständige Ghule zur Welt kamen, ebenso wie Hinweise auf Nachkommen ohne jede nachweisbare Totenhungerdisposition. Beide Varianten werden meist als Ausnahmen oder legendenhafte Einzelfälle geführt.

Syptome und Verlauf

Der Verlauf des Totenhungers beginnt meist unspezifisch. Frühe Symptome umfassen Müdigkeit, Schlafstörungen, diffuse Unruhe und eine schleichende Veränderung von Geschmack und Geruchssinn. Besonders Gerüche von Blut, Innereien und Verwesung werden deutlicher und zugleich ambivalent anziehend wahrgenommen.

Mit Fortschreiten des Syndroms verlagert sich der Appetit zunehmend weg von normaler Nahrung hin zu Fleisch. Zunächst wird allgemein mehr Fleisch verlangt, später verlieren pflanzliche Bestandteile der Nahrung fast vollständig an Bedeutung und werden sogar als Ekelerregend wahrgenomen. Parallel treten körperliche Veränderungen auf: Verfärbung und Ausdünnung der Haut, Veränderung der Augenreflexe, Verdickung oder Zuspitzung von Zähnen und Nägeln und ein allgemeiner Eindruck von Auszehrung bei gleichzeitiger Zähigkeit.

Ab dem Punkt, an dem der Totenhunger vollständig manifest ist, beginnt das Stadium, das mit dem Ghulstatus gleichgesetzt wird. Das Individuum ist dann obligat carnivor, auf Dauer nicht mehr zu „normaler“ Ernährung zurückführbar, und zeigt eine deutliche Verknüpfung zwischen Ernährungsverhalten und psychischer Stabilität.

Ernährungsabhängigkeit

Der Totenhunger unterscheidet deutlich zwischen körperlicher und seelisch-geistiger Versorgung. Tierisches Fleisch genügt zur Aufrechterhaltung der physischen Funktionen. Betroffene können über Jahre hinweg existieren, ohne intelligentes Fleisch zu verzehren, sofern ausreichend tierische Nahrung vorhanden ist.

Die geistige Stabilität ist jedoch unmittelbar an die Zufuhr von Fleisch intelligenter Wesen gebunden. Wird der Totenhunger in bestimmten Abständen durch entsprechende Nahrung gedämpft, bleiben Identität, Urteilsvermögen und Affektsteuerung vergleichsweise stabil. In vielen Berichten wird beschrieben, dass längere Intervalle ohne intelligentes Fleisch – typischerweise im Bereich von Wochen bis wenigen Monaten, abhängig von Individuum und Schweregrad – zu zunehmender Destabilisierung führen.

Rituale, Alchemie und Magie

Im Umgang mit Totenhunger haben sich in verschiedenen Traditionen zahlreiche Hilfsmittel entwickelt. Dazu zählen magische Amulette, gebundene Knochenrelikte, Bannzeichen und rituelle Praktiken, die darauf abzielen, den inneren Druck zu mildern, ihn auf bestimmte Orte zu binden oder die Intervalle zwischen der notwendigen Zufuhr intelligenter Nahrung zu verlängern.

Alchemistische Präparate werden als Tränke, Pulver oder Salben verabreicht, deren Zweck es ist, den seelischen Anteil des Hungers zu dämpfen oder die Wirkung von Tierfleisch zeitweise zu verstärken. Die Berichte über Wirksamkeit sind uneinheitlich; oftmals wird eine gewisse Linderung beschrieben, jedoch keine vollständige Unterdrückung des Totenhungers.

Allgemein gilt, dass bislang keine Methode bekannt ist, die den Totenhunger dauerhaft und verlässlich heilt. Die meisten Versuche, das Syndrom vollständig zu beseitigen, enden entweder mit dem Tod des Betroffenen oder mit unkontrollierten Verschlechterungen des Zustands.

Verberitung und Forschung

Totenhunger ist in Balvlaud selten, aber in nahezu allen größeren Kultur- und Machtbereichen dokumentiert. Gehäuft tritt er in Regionen auf, die über längere Zeiträume stark durch Krieg, Seuchen, Massentod oder intensive nekromantische Aktivität geprägt wurden. Entsprechend finden sich die meisten Fallberichte in Grenzregionen, alten Schlachtfeldern, verfluchten Städten und vormals belagerten oder verheerten Landstrichen.

Die Erforschung des Totenhungers ist durch praktische und ethische Probleme erschwert. Ghule gelten vielerorts als Bedrohung und werden vernichtet, bevor systematische Untersuchungen möglich sind. In anderen Regionen unterliegt die Arbeit mit Totenhunger strengen religiösen oder rechtlichen Einschränkungen.

Theologisch geprägte Schulen interpretieren den Totenhunger häufig als Strafe, Fluch oder Konsequenz mangelnder Achtung vor den Toten. Magietheoretische Richtungen beschreiben ihn eher als Störung des Gleichgewichts zwischen Lebenden und Toten, die sich in bestimmten Konstellationen spontan bilden oder durch nekromantische Einflüsse verstärken kann. Ein einheitliches Erklärungsmodell existiert nicht.

Unabhängig von der Deutung ist der Totenhunger in Balvlaud ein Phänomen von hoher narrativer und sozialer Relevanz. Er prägt das Bild der Ghule, bestimmt deren Lebensweise und stellt für betroffene Individuen und Gemeinschaften eine dauerhafte Spannungsquelle zwischen Überleben, Moral und gesellschaftlicher Akzeptanz dar.